15.7.2017

Die Wahrheit

Bekenntnis eines blauäugigen Linken

Spätlese der Krawalle beim G20-Gipfel: Was ist heute noch links? Das weiß nach den Mordsnächten von Hamburg tatsächlich niemand mehr.von Leo Fischer

  Illustration:  Kriki

Hallo, Linke. Wir müssen reden. Über Hamburg. Und das, was schiefläuft bei uns. Denn „links“, das ist heute mehr als eine Himmelsrichtung. Hamburg, das wird immer deutlicher, hat den politischen Kompass entmagnetisiert. Hat den Straßenplan auf den Kopf gestellt. Heute müssen wir uns fragen: Wollen wir Überholspur oder Bremsspur in der Unterhose der Geschichte sein? Denn dann müssen wir schon jetzt den Blinker setzen.

Ich war mal einer von euch. Habe mit euch studiert, gelacht, getrunken; habe Vorträge besucht und mir Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen. Wir diskutierten über die neue „Southpark“-Folge und lachten über die Dummheit von Joanne K. Rowling. Niemals hätte ich geahnt, dass wir zu so was fähig sind: Widerstand gegen die Staatsmacht zu leisten.

Niemals hätte ich geahnt, dass sich unter friedlich Demonstrierende auch Krawalltouristen mischen, die die ohnehin schon gestressten und teilweise am Hungertuch nagenden Polizisten bis aufs Blut provozieren. Nie hätte ich geahnt, dass Leute ihre Vorstellungen vom richtigen Leben mit Gewalt durchsetzen wollen, sofern sie nicht Olaf Scholz oder Recep Erdoğan heißen. Wohin habe ich mich, haben wir uns verirrt?

Kapitaler Hohn

Ich weiß heute, nach dem Irrsinn von Hamburg, dass viele meiner liebgewonnenen Überzeugungen den einfachen Menschen auf der Straße wie blanker Hohn vorkommen müssen. Die Vorstellung, abstrakte Marktgesetze führten zu einer immer schneller fortschreitenden Kapitalkonzentration, während die meisten Menschen in Unwissenheit und Elend gehalten werden, ist der von Putzflaschen lebenden Pfandfrau, deren einzige Nachrichtenquelle die Wochenschrift „Lidl ist billig“ ist, nicht mal ein müdes Lächeln wert. Und schlimmer noch: Sie entspricht einfach nicht mehr unserer Lebensrealität. Einer Realität, in der jeder, der einen Porsche besitzen möchte, theo­retisch auch einen haben kann – und dabei mit Ratenkrediten verwöhnt wird, von denen unsere Vorfahren nur träumen könnten.

Diese Wahrheit, ich wollte sie lange nicht wahrhaben: Eventuell bringt der Kapitalismus nicht nur massenweise Knechtschaft, sondern auch tolle Erfindungen wie Elektrizität und Aioli hervor. Wer daran denkt, dieses System irgend verbessern oder gar ersetzen zu wollen, sollte schon erklären können, wie er künftig auf Elektrizität verzichten will. Die meisten meiner linken Freunde können das nicht.

Und da ist auch die Kultur der Gewalt. Ich spüre sie täglich in mir brodeln, kann meinen Zorn kaum bändigen. Ja, ich weiß, dass die alleinerziehende und arbeitslose Rewe-Kassiererin nach der dritten Schicht nur mehr von Tabletten und Manteltarifverträgen zusammengehalten wird. Ja, ich weiß, dass der Filialleiter jedes Wochenende von Assessment-Center zu Assessment-Center geschleift wird, um in gnadenloser Konkurrenz zu seinen Mitbewerbern Teamfähigkeit und Social Skills zu trainieren. Und ja, ich weiß, dass die Eigentümer von Rewe Stirnhöhlenkrebs bekommen vor Sorge um ihre Arbeitnehmer und deren Familien, wenn bei Aldi das gleiche Produkt für weniger Geld auch noch leckerer schmeckt.

Ich weiß dies alles, und dennoch kann ich ihn nicht überwinden: den Drang, alles kurz und klein zu schlagen, sobald meine lächerlich utopische und unrealisierbare Wunschvorstellung von einer Welt mit 25-Stunden-Woche, weniger Ertrunkenen und Krankenkassen, die auch Brillen bezahlen, nicht von einem Tag auf den anderen verwirklicht wird. Sehe ich ein Rewe-Logo, will ich vielmehr nur eins: töten, töten, töten und mich an den Eingeweiden von Minijobbern laben.

Inzwischen weiß ich, woher diese Bedürfnisse kommen. Es gibt sie in jeder Stadt. Linke Zentren, in denen Chaos-Anarchisten ihre nächsten Bluttaten planen. Wo obszöne Graffiti die Bemühungen der SPD verhöhnen, wo laute Musik bis hart an die Grenze zur Sperrstunde gehört wird, wo verbotenes Schrifttum wie Konkret ausliegt. Wo halblaut „Deutschland muss sterben“ gesagt und provozierend in die Runde geguckt wird.

In so einem Zentrum habe ich mich niemals aufgehalten. Schon aus hygienischen Gründen nicht. Und doch spüre ich, gerade jetzt nach dem Todesalbtraum von Hamburg, dass der Einflussbereich dieser Zentren weiter reicht als gedacht, dass ihre Tentakel sich auch über Hunderte, ja Tausende von Kilometern hinweg tief in mein Zentralganglion gebohrt haben. Diese Zentren sind der Krankenhauskeim, den wir Linke in das eigentlich gesunde Krankenhaus „Gesellschaft“ eingepflanzt haben. Sagrotan hilft da nicht mehr. Es muss jetzt das glühende Eisen der Vernunft in diese Wunde gepresst werden, damit unsere Kinder später einmal darüber lachen können.

Gescheiterte Gesellschaft

Was ist heute noch links? Das weiß inzwischen, nach den Mordsnächten von Hamburg, tatsächlich niemand mehr. Ich jedenfalls habe keine Lust auf eine Welt, in der Umverteilung tatsächlich nur ein schönes Wort für „Leuten etwas wegnehmen“ ist. Ich will in keiner Welt leben, in der Menschen, die ihr Vermögen ehrlich ererbt haben, dafür auch noch Steuern zahlen müssen wie irgendein armseliger Angestellter. Ich will nicht in einer Welt leben, in der Menschen, die von staatlichen Leistungen abhängig sind, in Fernsehrunden auch noch das große Wort schwingen dürfen. Das war einmal, das ist gescheitert.

Wir als Linke sollten beginnen, unsere Forderungen an die Wirklichkeit anzupassen. Warum findet die Tatsache, dass ich jedes Jahr an Amnesty spende, in unseren Medien nicht mehr Gehör? Warum muss ich mich schämen für die Tatsache, dass ich als linker Autor auch gern mal dreihundert Euro beim Edelitaliener lasse? Hier kann moderne linke Politik greifen. Wenn es um Respekt, um Anerkennung geht. Im Kleinen, dort, wo es niemanden stört und es keine Konsequenzen hat.

Ich möchte, dass mein Einsatz an der Biofleischtheke vom Staat anerkannt wird, etwa über großzügige Steuerrabatte. Ich möchte, dass meine Kinder sich aussuchen dürfen, wie viele Ausländer sie in ihrer Schulklasse mitschleppen wollen. Ich möchte, dass mein ehrenamtliches Engagement für meinen Verein „Geldparken 3000 plus Charity-Scheiße“ als Freibetrag angerechnet werden kann. Und ich möchte mich nicht als „rechts“ beschimpfen lassen, nur weil ich teilweise die Positionen von Sandra Maischberger teile. Wer Menschen, die sich als links bezeichnen, mit Kampfbegriffen wie „rechts“ beleidigt, sollte letztlich genauso behandelt werden wie ein Brandstifter oder Laserpointer.

Vor allem aber müssen wir Linke unsere wichtigste Fähigkeit in Ehren halten: uns zu distanzieren. Von Sahra Wagenknecht und von August Bebel. Von Attac, von RWE Ökostrom, von Kim Jong Un. Und vor allem von Leuten, die sich selbst „links“ nennen. Alle diese Leute haben nichts mit uns zu tun.

Wir müssen lernen, dass Linkssein gefährlich ist. Wie Atomenergie. Wir dürfen diese schreckliche Macht nur unter höchsten Sicherheitsauflagen und in streng kontrollierten Umgebungen aktivieren. Wir haben die Verantwortung dafür, dass nicht das ganze wunderschöne Deutschland verstrahlt und zu einer leblosen Ödnis wird. Wir haben diese Macht. Und wie einst Superman müssen wir nun an den Nordpol gehen, um sie nie wieder einzusetzen. Das schulden wir den Toten von Hamburg.