7.11.2014

Exministerin über homosexuelle Manager

„Die Angst schwingt mit“

Das Coming-Out von Tim Cook war mutig, sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Schwule deutsche Manager fürchten sich zu sehr vor möglichen Konsequenzen. Interview: Ines Pohl

Solche Coming-Outs helfen anderen, innere Hürden abzubauen, glaubt die frühere FDP-Bundesjustizministerin.  Bild:  ap

taz: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass Tim Cook sich geoutet hat?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Ich fand das sofort sehr gut, habe aber auch unmittelbar befürchtet, dass es in Teilen der Presse sicher eine üble Resonanz geben würde.

Die Reaktionen waren ambivalent...

Das stimmt, aber es gab wirklich erschreckende Artikel, beispielsweise hat eine Redakteurin, offensichtlich ohne Absprache mit dem Chefredakteur, einen Artikel in der NZZ geschrieben, in dem sie Tim Cook als arrogant bezeichnete und sein Sexualleben als reine Privatsache abgetan hat, die in der Wirschaftswelt nichts zu suchen hat.

Man hört es, Sie sind immer noch empört.

Ja, denn es ist empörend, dass manche immer noch nicht kapiert haben, dass es gerade für die Wirtschaft wichtig ist, dass es selbstverständlich ist, am Arbeitsplatz über Homosexualität oder LGBTI im weitesten Sinne reden zu können. Dass das nichts ungewöhnliches ist, sondern es einfach zu unserer Gesellschaft dazu gehört. Und dass das so kommt, dafür braucht man Menschen wie Tim Cook.

Nun sagen manche, es war ein bloßer Werbegag?

Er steht in einer Reihe mit vielen Mutigen, die offen über ihre sexuelle Orientierung sprechen. Ich weiß nicht, warum er sich jetzt entschieden hat, das zu tun. Ich finde es gut bei jedem. Und vor allem bei Menschen, die noch in einer Führungsposition sind, sich klar zu bekennen, zu äußern. Das kann jeder machen wann und wie er mag und wie es zu ihm oder ihr passt. Cook ist eben stolz drauf und sieht es als Gottesgeschenk, ich denke, dass ein Outing auch mit ein bisschen weniger Pathos geht, aber das soll jeder machen, wie es ihm passt.

Je mehr Homosexuelle sichtbar sind, desto selbstverständlicher wird es.

Ja, und es hilft jenen, die innere Hürden haben, diese abzubauen. Auch sich selbst gegenüber.

Warum glauben Sie hat sich in Deutschland noch kein aktiver DAX-Vorstand oder Aufsichtsratchef geoutet?

Weil nach wie vor die Angst mitschwingt, wie in den Medien darüber berichtet und im Kreis der Kollegen gesprochen wird. Es ist eben immer noch nicht so selbstverständlich, dass es einfach zu unserer offenen Gesellschaft dazugehört, dass es LGBTI-Menschen gibt, die das offen leben. Ich denke viele befürchten einfach noch immer, es könnte mit Nachteilen verbunden sein und outen sich erst, wenn sie nicht mehr im Job sind. Deshalb ist es ja so gut, dass Tim Cook sich jetzt geoutet hat und nicht gewartet hat, bis er im Ruhestand ist.

Sie sind seit Jahrzehnten in den Führungsetagen der Wirtschaft unterwegs. Sprechen Sie das Thema Outing an?

Im Zusammenhang mit Diversity spielt natürlich Homosexualität, das selbstverständliche Umgehen damit eine zentrale Rolle. Und ich nehme da eine große Aufgeschlossenheit wahr. Man hört nicht mehr, dass man doch jetzt Wichtigeres zu tun habe und es um Arbeitsplätze und nicht um Schwule gehen sollte. Also das erlebe ich auf keinen Fall mehr. Da hat sich in den vergangenen Jahren wirklich viel geändert. Aber es bleibt natürlich etwas anderes über gesellschaftliche Entwicklungen zu reden oder sich selbst zu bekennen. Die Sorge davor, dass man deshalb benachteiligt werden könnte, die ist im Hinterkopf schon noch da.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen der Situation von Lesben und der von Schwulen?

Ich glaube, dass es für Lesben doch noch viel schwieriger ist. Deshalb finde ich es sehr wichtig und auch ermutigend, dass sich mit Barbara Hendricks auch eine Ministerin ganz klar geäußert hat. Sie ist ja eigentlich die erste Frau in einer Spitzenposition in der Politik, die offen über ihre sexuelle Orientierung spricht. Also da sind wir noch sehr viel weiter hintendran als bei Homosexuellen, übrigens nicht nur in der Politik sondern auch der Wirtschaft.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Rationale Gründe gibt es dafür nicht, warum man da eine unterschiedliche Bewertung oder Haltung anlegen sollte. Das sind emotionale Dinge. Das Bild, das von Frauen in Führungspositionen gezeichnet wird, übrigens auch verbunden mit Quotenfordrungen, ist ja immer eines, das die Frauen als sehr weiblich zeichnet, immer top, immer ganz schick mit allem was dazu gehört. Dressing spielt eine ganz große Rolle, und da scheint der – natürlich falsche – Eindruck zu entstehen, das passe nicht zusammen.

Was fordern sie als ehemalige Justizministerin, was muss jetzt passieren?

In der Gesetzgebung sind jetzt zwei Dinge von der Politik zu tun. Erstens muss es auch Menschen erlaubt sein Kinder zu adoptieren, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben und diese muss endlich in „gleichgeschlechtliche Ehe“ umbenannt werden. Hier muss der Gesetzgeber dringend ran. Zweites müssen in unseren Gesetzen endlich die sprachlichen Benachteiligungen von LGBTI-Menschen beseitigt werden. Ich habe dafür einen umfangreichen Entwurf machen lassen, um aufzuzeigen, in wie vielen Gesetzen es da Handlungsbedarf gibt. Das wäre weit mehr als bloße Gesetzestechnik, sondern ein richtiges Projekt, ein wichtiges Zeichen, es wäre ein Anerkenntnis in der gesamten Gesetzgebung.

Sie haben die Vorarbeiten geleistet. Die Politik könnte also schnell handeln. Was erwarten Sie von der Großen Koalition?

Ich bin zwar ein grundoptimistischer Mensch. Aber hier bin ich doch sehr, sehr skeptisch. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Union dieses Thema aktiv nicht aufgreifen will. Sie ist immer nur bereit, auf Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen zu reagieren. Da müsste der Koalitionspartner also richtig Druck mach.

Und wird es das tun?

Da muss ich mich leider wiederholen: Ich bin sehr sehr skeptisch.

taz.am wochenende Vor 25 Jahren fiel die Mauer, alsbald verschwand auch die DDR. Spurlos? taz-Reporter erkunden, was geblieben ist – in den Biografien der Menschen, in Tagebüchern von damals und in Potsdam, einer bis heute geteilten Stadt. taz.am wochenende vom 8./9. November 2014. Außerdem: Hedy Lamarr war der Protoyp der unterkühlten Hollywoodschauspielerin. Dass wir ohne sie nicht mobil telefonieren könnten, weiß kaum jemand. Und: Pulitzer-Preisträger David Maraniss über Barack Obama. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. 84433 24051

Vor 25 Jahren fiel die Mauer, alsbald verschwand auch die DDR. Spurlos? taz-Reporter erkunden, was geblieben ist – in den Biografien der Menschen, in Tagebüchern von damals und in Potsdam, einer bis heute geteilten Stadt. taz.am wochenende vom 8./9. November 2014. Außerdem: Hedy Lamarr war der Protoyp der unterkühlten Hollywoodschauspielerin. Dass wir ohne sie nicht mobil telefonieren könnten, weiß kaum jemand. Und: Pulitzer-Preisträger David Maraniss über Barack Obama. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.